Geh, Gedanke

Geh, Gedanke, solang ein zum Flug klares Wort
dein Flügel ist, dich aufhebt und dorthin geht,
wo die leichten Metalle sich wiegen,
wo die Luft schneidend ist
in einem neuen Verstand,
wo Waffen sprechen
von einziger Art.
Verficht uns dort !

Die Woge trug ein Treibholz hoch und läßt dich sinken.
Das Fieber riß dich an sich, läßt dich fallen.
Der Glaube hat nur einen Berg versetzt.
Laß stehn, was steht, geh, Gedanke !

Von nichts andrem als unsrem Schmerz durchdrungen.
Entsprich uns ganz !


Ingeborg Bachmann (1926 - 1973)

 

Wolken

elomen elomen lefitalominal
wolminuscaio
baumbala bunga
acycam glastula feirofim flinsi

elominuscula pluplubasch
rallalalaio

endremin saxassa flumen flobollala
feilobasch falljada follidi
flumbasch

cerobadadrada
gragluda gligloda glodasch
gluglamen gloglada gleroda glandridi

elomen elomen lefitalominai
wolminuscaio
baumbala bunga
acycam glastala feirofim blisti
elominuscula pluplusch
rallabataio


Hugo Ball (1886 - 1927)

 

Liedervereinigung

Auferstanden aus Ruinen
Brüderlich mit Herz und Hand
Laß uns dir zum Guten dienen
Tochter aus Elysium
Daß zum Zwecke Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Einigkeit und Recht und Freiheit
Zu dem Bade sich ergieße
Und der Zukunft zugewandt.


Kurt Bartsch (* 1937)

 

Die Uhr

O Uhr, du düstrer Gott, gleichmütiger, voll Schrecken,
Der mit dem Finger droht und spricht: Erinnre dich! -
In deine Brust wird jäh wie in die Scheibe sich
Der Schmerz einbohren und ausschwingend darin stecken.

Der Freude Duft wird fliehn zu Horizonten weit,
Dem Luftgeist gleich, der in der Bühne Grund zerronnen;
Ein jeder Augenblick frißt dir ein Stück der Wonnen,
Die jeder haben darf für eine Lebenszeit.

Dreitausendsechshundertmal zischelt die Sekunde
Erinnre dich! dir in der Stunde zu. Das Jetzt
Sagt: Ich bin Einst! - und zirpt wie ein Insekt, das wetzt -
Und sog am Leben dir mit meinem Unratmunde!

Remember! Denk daran, du Wicht! Esto memor!
(Mein Eisenmund kann so in allen Zungen hadern . . .)
Minuten sind, o Narr, der stirbt, erbohrte Adern!
Gib sie nicht auf, hol erst das Gold daraus hervor!

Erinnre dich: es muß die Zeit im Spiel gewinnen
- So will's der Fug - ohne Betrug bei jedem Stich;
Der Tag nimmt ab . . . Die Nacht nimmt zu . . . Erinnre dich!
Der Schacht hat immer Durst und seine Kammern rinnen.

Dann schlägt die Stunde, wo des Zufalls Majestät,
Die Tugend - unberührt Gespons in deinem Bette! -,
Wo selbst die Reue (o! du letzte Einkehrstätte!),
Wo alle rufen: Stirb, du Feigling, s'ist zu spät!


Charles Baudelaire (1821 - 1867)

 

Was schlimm ist

Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.

Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.

Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, daß sie das immer tun.

Sehr schlimm : eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.


Gottfried Benn (1886 - 1956)

 

Erklärung

Am Morgen lag Schnee.
Man hätte sich freuen können. Man hätte Schneehütten bauen kön-
nen oder Schneemänner, man hätte sie als Wächter vor das Haus
getürmt.
Der Schnee ist tröstlich, das ist alles, was er ist - und er halte
warm, sagt man, wenn man sich in ihn eingrabe.
Aber er dringt in die Schuhe, blockiert die Autos, bringt Eisen-
bahnen zum Entgleisen und macht entlegene Dörfer einsam.


Peter Bichsel (* 1935)

 

Ballade zur Beachtung der Begleitumstände

beim Tode von Despoten

Aus welcher man ersehen
kann, wie man nicht nur
die Despoten, sondern
auch deren Lakain auf
einfache und doch
wirkungsvolle Weise
gleich miterledigen
kann

Wenn endlich ein Despot
Erschlagen ist und tot
Dann muß man auch sofort
Sofort am selben Ort
Mit Nadel und mit Faden
Sein Arschloch fest verschnürn
Vernähen und verriegeln
Verklammern und heiß bügeln
Verrammeln ganz und gar
Vernieten und verlöten
Schön luft- und wasserdicht
Damit die ganze Schar
Damit all die Lakain
Die krochen da hinein
- für ewig drinnen bleiben!

Dann nimmt man schnell den toten
Versiegelten Despoten
Und legt ihn tief ins Grab
Und obenauf mehr Steine
Als damals Jesus seine
Damit nicht auferstehn
Die Heuchler und die Kriecher
Die mit dem Schnüffelriecher
Die Sesselfurzer! Laffen!
Die Bonzen und die Pfaffen!
Die Spitzel und die Henker!
Die Dichter auch und Denker
Die mit dem Heilgenschein
Gekrochen tief hinein
- ins ungeheure Arschloch

Es war in alten Zeiten
Ein viel geübter Brauch
Daß man den hohen Herrn
Ins reich verzierte Grab
Auch Diener, Fraun und Hunde
Lebendig mit rein gab
- wir wolln in diesem Falle
die Tradition nicht schmähn:
Es solln auch mit den Herren
die Knecht' zugrunde gehn!


Wolf Biermann (* 1936)

 

Kleinstadtsonntag

Gehn wir mal hin?
Ja, wir gehn mal hin.
Ist hier was los?
Nein, es ist nichts los.
Herr Ober, ein Bier!
Leer ist es hier.
Der Sommer ist kalt.
Man wird auch alt.
Bei Rose gab's Kalb.
Jetzt isses schon halb.
Jetzt gehn wir mal hin.
Ja, wir gehn mal hin.
Ist er schon drin?
Er ist schon drin.
Gehn wir mal rein?
Na gehn wir mal rein.
Siehst du heut fern?
Ja, ich sehe heut fern.
Spielen sie was?
Ja, sie spielen was.
Hast du noch Geld?
Ja, ich hab noch Geld.
Trinken wir ein'?
Ja, einen klein'.
Gehn wir mal hin?
Ja, gehn wir mal hin.
Siehst du heut fern?
Ja ich sehe heut fern.


Wolf Biermann (* 1936)

 

Stanzen für einen Einbrecher

Fürst im Fassadenklettern und im Klauengehen,
Dich hat dein sechster Sinn zu meinem Haus geführt,
Als ich hausieren ging mit meinen Gassenhauern,
Für dich hab ich dies Lied erdacht und komponiert.

Ich muß schon sagen, hoch hab ich dir angerechnet,
Daß du beim Gehn die Tür verschlossen hast sogar,
Damit Zigeuner nicht den Rest beiseite schaffen,
Ein Dieb mit Disziplin ist heutzutage rar.

Mein Freundchen, du hast nur das Nötigste gestohlen,
Verächtlich hängen lassen dieses Scheißporträt,
Ich hab es irgendwann bekommen zum Geburtstag,
Du wärst in Kunstkritik wohl eine Koryphäe !

Ein andres Zeichen, daß du kein durchtriebener Kerl bist:
Du hast Respekt vor dem, der brav zur Arbeit geht,
Und mir mein Werkzeug, die Gitarre nicht gestohlen,
Das nenn ich kollegiale Solidarität.

Aus diesen Gründen kann ich dir all das verzeihen,
Nach reifer Überlegung, ohne Hintersinn,
Was du gestohlen hast, mein Alter kannst du haben,
Mach's gut und mach damit womöglich noch Gewinn.

So spreche ich zu dir mit meinen kleinen Liedern
Und wäre, kämen sie beim Publikum nicht an,
Genau wie du auf eine schiefe Bahn geraten
Und wäre jetzt, wer weiß, beim Stehlen dein Kumpan.

Paß bloß beim Feilschen auf, verschacherst du die Beute,
Die Hehler hauen dich doch immer übers Ohr,
Denk an den alten Spruch, der sagt, gewisse Leute
Sind schlimmer als ein Dieb, drum sieh dich bitte vor !

Weil ich der Polizei es nicht gemeldet habe,
Glaub ja nicht, daß du nochmal kommen kannst zu mir,
Der kleinste Rückfall wird die Poesie zerstören,
Laß mir den guten Eindruck, den ich hab von dir.

Mein Freund, ich wünsche dir, mein Plunder soll dir nützen,
Bereu es nicht zu sehr, wir beide sind ja quitt,
Merkur soll dich vor Knast und Polizei beschützen,
Denn immerhin, verdank ich dir doch dieses Lied

Post-scriptum. Wenn das Stehlen deine edle Kunst ist,
Dein einziges Talent und deine Schwärmerei,
Mach eine Firma auf, werd Kaufmann oder Händler,
Dann bist du angesehn, selbst bei der Polizei.


Georges Brassens (1921 - 1981)